CBC-Claudia Beyer

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...ist sowohl eine Ansammlung von eigenen kreativen Werken, die ich im Laufe meines bisherigen Lebens in unterschiedlicher Methodik geschaffen habe, als auch eine Ansammlung fachlicher Impulse.
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Haltung, Prinzipien, Visionen

Partizipation von Kindern und Jugendlichen - zwischen Motivation und Verdrossenheit -

Fachliche Themen SozialwesenGeschrieben von Claudia Beyer So, Februar 17, 2019 18:50:03
Partizipation von Kindern und Jugendlichen
- zwischen Motivation und Verdrossenheit -

Einleitung:

Das Alltagsleben und die Alltagswelten von Kindern, Jugendlichen und deren Familien sind mehr und mehr durchdrungen von Zweckrationalität, Pragmatismus und Zweckhandeln. Es gibt wenige Räume, auch in der Öffentlichkeit, in denen die Bedürfnisse und Gestaltungswünsche der Menschen realisiert werden können.
Wenn es um Beteiligung und Mitgestaltung geht, müssen dafür die Gelegenheiten vorhanden sein, sich als Individuum, mit seinen persönlichen Anliegen und Wünschen zur Verbesserung des eigenen Lebensraumes, einbringen zu können.
Für Kinder und Jugendliche heißt das, es müssen Formen gefunden werden, die ihren spezifischen Gestaltungswünschen, ihrem Alter, Reifegrad, Sprachverständnis, Ausdrucksvermögen und im Allgemeinen, ihren Beteiligungsmöglichkeiten gerecht werden.
Jegliche Form der Beteiligung und Mitbestimmung im Alltagsleben und Lebensraum erfordert ein hohes Maß an Motivation aller Beteiligten und darf nicht zur Verdrossenheit der Akteure führen. Während meiner langjährigen Berufstätigkeit im Bereich der kommunalen Jugendarbeit, habe ich festgestellt, dass jedoch genau zwischen den Polen „Motivation“ und „Verdrossenheit“ bei Kindern und Jugendlichen ein Spannungsfeld entstanden ist, dessen Relativierung durch Politik und Verwaltungsgremien häufig verharmlost oder vermieden wird. Genau dieses Spannungsfeld jedoch ist es, das für den professionellen, solidarischen Koordinator der Beteiligungsarbeit, die größte Herausforderung in der praktischen Umsetzung von Kinder- und Jugendpartizipation bedeutet. Was genau sagt nun der Begriff „Partizipation“ aus?

1. Der Begriff Partizipation

Wie man in der online Datenbank „Wikipedia“ nachlesen kann, wurzelt der aus dem Lateinischen stammende Wortstamm des Begriffes „Partizipation“ in der katholischen Kirche. „Participatio actuosa“ bedeutet „tätige Teilnahme“ und stammt ursprünglich aus den Grundprinzipien der katholischen Liturgie. Das versammelte Volk Gottes sollte eine jeder ihm zukommende Aufgabe oder ein Amt übernehmen und so am Gottesdienst aktiv teilnehmen und teilhaben.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Participatio_actuosa, 2009)
In unserer demokratischen Gesellschaft steht der Begriff „Partizipation“ insbesondere für die Beteiligung und „tätige“, also aktive, Teilnahme der Bürger am politischen Geschehen in der Gesellschaft und an verwaltungstechnischen Entscheidungen und Prozessen. Ich zitiere eine Definition, die von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.de herausgegeben wurde:

„(lat.: Teilhabe). Allg.: P. bezeichnet die aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen bei der Erledigung der gemeinsamen (politischen) Angelegenheiten bzw. der Mitglieder einer Organisation, einer Gruppe, eines Vereins etc. an den gemeinsamen Angelegenheiten.
Spez.: 1) P. bezeichnet die Teilhabe der Bevölkerung an politischen Willensbildungsprozessen, insbesondere an Wahlen und Referenden. 2) In einem rechtlichen Sinne bezeichnet P. die Teilhabe der Bevölkerung an Verwaltungsentscheidungen.“
(Schubert, Klaus; Klein, Martina: Das Politiklexikon; 2006. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=XV4ZZA)

Die Beteiligung des Bürgers bezieht sich sowohl auf den engen geografischen Radius und das engere soziale Umfeld in dem der Einzelne lebt, sowie auf die gesamte Stadt, die Gemeinde, das Miteinander und den sozialen Umgang innerhalb der gesamten Gesellschaft. Bei sozialen oder politischen Missständen sollen die Menschen motiviert und aktiviert werden, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen und sich für bessere Lebens- oder sonstige Bedingungen zu engagieren. Die Partizipation am Leben und Geschehen in der Gesellschaft soll im Rahmen unserer Demokratie auch explizit für Kinder und Jugendliche gelten und in deren Sozial- und Lebensraum ermöglicht werden.

2. Raum für Kinder und Jugendliche

Im Laufe meiner beruflichen Praxis habe ich folgendes beobachtet: Was Kinder und Jugendliche brauchen, fehlt meist. Platz zur persönlichen Entfaltung und für neue Ideen, und Raum, in dem man sich akzeptiert, respektiert, wohl, und bei Bedarf, liebevoll umsorgt fühlt. Primär braucht der junge Mensch jedoch auch Erwachsene, die ihn motivieren, ihm Möglichkeiten aufzeigen und in liebevoller, diplomatischer Form, seine Bedürfnisse nach freier Entfaltung erfüllen und eine aktive Teilhabe und Teilnahme an jeglichen Entscheidungen, die ihn und seinen Sozialverband betreffen, ermöglichen.
Diesen Platz, dieses psychosoziale Moratorium, sollte eigentlich grundsätzlich die Familie bieten. Die heutigen Familien sind jedoch überwiegend durch die Berufstätigkeit beider Eltern oder die Alleinerziehung der Kinder in Einelternhaushalten überlastet. Oft sind die Eltern mit der Erziehung der Kinder und Jugendlichen überfordert, auch ist aus praktischen Erfahrungswerten zu erkennen, dass vielen Eltern das Wissen um Erziehung überhaupt, fehlt. Unsicherheiten im gemeinsamen Umgang erschweren deshalb die freie Entwicklung der jungen Menschen. Gemeinsame Unterhaltungen und Gespräche weichen dem Alltagsstress und Entscheidungen werden, oft auch aus zeitlichen Gründen, von den Eltern für ihre Kinder getroffen. Diese Tatsache schafft Raum bei den Kindern und Jugendlichen; - jedoch Raum für Unzufriedenheit, Unverständnis, Aggression und das Gefühl, nicht dazu zu gehören.
In Sozialräumen, in denen Benachteiligungen, Migrationshintergrund und eventuell daraus resultierende Problemlagen überwiegen, fehlt Jugendlichen ein Raum, der ihnen Sicherheit bietet, Ansprechpartner für ihre Sorgen beinhaltet und ihnen Geborgenheit gibt. Raum, als eine für Kinder und Jugendliche akzeptable Lebenswelt, mit Zeit für das "Hineinwachsen" in die Gesellschaft und mit Hilfe für die soziale Integration während der Adoleszenz. In diesem Zusammenhang kommt den politischen- und Verwaltungsgremien in der Gesellschaft eine fundamentale Rolle zu.

3. Politik für Kinder und Jugendliche, für mehr Lebensqualität in der Gesellschaft

Wer Politik für Kinder und Jugendliche macht, damit diese zu ihrem Recht kommen, muss daher manches verändern und vieles anpassen. Es gilt dafür zu sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen wieder Platz im gesellschaftlichen Leben finden. Platz zum Erkunden, zum Verändern, für Phantasie und Kreativität, damit sie sich entwickeln und entfalten können. Freiräume müssen wieder gewonnen werden, damit Kinder und Jugendliche mit ihren schöpferischen, kreativen und sozialen Interessen und Kräften zu persönlicher Freiheit, Verantwortungsgefühl, Solidarität, Gemeinschaftssinn und Wir-Gefühl, Fürsorge, Respekt, Initiativverhalten und Mündigkeit heranwachsen können. Eine große Aufgabe.
Aber Politik für Kinder und Jugendliche birgt große Chancen. Viele Menschen in der Gesellschaft sind nachdenklich geworden und merken, dass die einseitige Ausrichtung an den Interessen der Erwachsenen, eine Kehrseite hat: Probleme und Chaos mit gelangweilten, jugendlichen Bürgern. Jugendliche frequentieren die Öffentlichkeit überwiegend in Gruppen. Abseits der örtlich angesiedelten Vereine und des Elternhauses "hängen" diese dann in irgendwelchen Ecken oder auf öffentlichen Plätzen herum. Vorübergehende Passanten wirken oft abgewendet, verunsichert und verängstigt, da ihnen die Frage nach dem richtigen Zugang zu diesen Gruppen unbeantwortet scheint. Gerade in ländlichen Räumen, indem nur einige wenige öffentliche Spielplätze oder Sportanlagen existieren, bilden Jugendgruppen, die sich z.B. auf diesen Plätzen treffen, für die Anwohner oftmals ein bedrohliches Bild. Darauf basierend, richtet sich der Fokus der politischen Gremien, der Bürger und der Gemeinde- oder Stadtverwaltung, auf die professionellen Institutionen.
Die Angebote und Einrichtungen der Jugendhilfe, z.B. der offenen Kinder- und Jugendarbeit (Jugendzentren, Jugendtreffs, Jugendcafes usw.) sind, wie auch die Kindertagesstätten, Schulen, Vereine, freien und kirchlichen Trägerschaften und Verbände, ein Bestandteil der sozialen Infrastruktur in Städten und Gemeinden. Diese bieten sowohl für die Entwicklung und Teilhabe der Kinder und Jugendlichen in der Gemeinschaft, als auch für die Prävention von Problemlagen, eine Vielfalt an fachlich differenzierten Angeboten, professionellen Konzepten und innovativen Maßnahmen. Innerhalb dieser Bereiche sind die Erwachsenen gefordert zu zeigen, wie aktive Demokratie im Alltag gelebt werden kann. Hier kann mit professioneller Unterstützung und Führung partizipativ gearbeitet werden, denn Kinder und Jugendliche wissen ganz genau was sie wollen und was ihnen gut tut.
Aus diesem Grund steht professionelle, partizipative soziale Arbeit als Teil der „Lebenswelt“ und im „Sozialraum“ von Kindern und Jugendlichen mehr denn je im Diskurs der Familien- und Sozialpolitik. Es wurde bemerkt, dass mehr Lebensqualität für Kinder und Jugendliche nicht nur denen selbst nützt, sondern gut für alle ist. Somit wird die Arbeit am Modell „Ausbau“ aufgegriffen und steht im Mittelpunkt der themenzentrierten Auseinandersetzung.

4. Das Spannungsfeld zwischen Ausbau und Umbau

Die Bedeutung von Erziehung und Bildung in professionellen Institutionen und Einrichtungen einerseits, aber auch die Aktivierung, das „Empowering“ des Individuums, die Stärkung und Schaffung transversaler Sozialitäten, Solidarisierung und gegenseitige Verständigung im eigenen privaten Sozial- und Lebensraum andererseits, nehmen stetig zu. Die Gesellschaft befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Ausbau und Umbau. Dem Modell Ausbau mit seiner regulativen Struktur, der Rationalisierung, der Professionalisierung und der Kolonialisierung, stehen im Modell Umbau kooperative Strategien, die Aktivierung der Adressaten, die Solidarisierung mit den Betroffenen und die Selbstregulierung gegenüber.
Ich zitiere einen Ausschnitt aus dem siebten Blick des Buches "Grundkurs Soziale Arbeit“ von Timm Kunstreich:
"Versuchen wir auch hier, die beiden Pole nicht nur als Gegensätze zu begreifen, sondern stellen wir uns auch hier ein Kontinuum vor, dass ein Spannungsfeld zwischen den Polen aufbaut, so ist das Gemeinsame beider Pole die Tatsache, dass sie nur in direkter Kommunikation realisiert werden können."
(Kunstreich, Timm: Grundkurs soziale Arbeit; 2001: S. 357)

Diese Aussage bezieht sich auf das Spannungsfeld zwischen dem „Institutionellen System“ und der „Lebenswelt“ des Individuums. Denn gerade hier beobachtet man leider all zu oft, dass die gegenseitige Verständigung nicht funktioniert oder die Interessen auseinander gehen. Auf der einen Seite steht der Mensch, der an ihn betreffenden Entscheidungen teilhaben möchte, die Wünsche und Ansichten vertritt, von denen er meint, dass sie ihm einerseits nützen und gut tun, und andererseits seine Lebenswelt bereichern. Auf der anderen Seite steht die Institution, das politische Gremium oder die Behörde mit ihrem riesigen Verwaltungsapparat, gebunden an Gesetzestexte, interne Vorgaben und politische Beschlüsse. Die rechtlichen Handlungsspielräume der Kommunen sind aufgrund des Bundes- und Landesrechtes sehr begrenzt. Es ist leicht nachvollziehbar, dass aus diesen Gründen die zwei Pole „Institution“ und „Individuum“ oft sehr stark differieren und keinen Konsens finden. Die Schnittstelle zwischen Modell Ausbau und Modell Umbau befindet sich in den Lebenswelten der Adressaten.
Diese Schnittfläche bezeichnet Kunstreich als den „sozialen Ort der Bewertung“. Er weist darauf hin, diesen sozialen Ort „Bewertung“ auch unter
kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten zu untersuchen. Eine große Bedeutung innerhalb von „Kommunikation“ kommt der Verständigung im Sinne von Bestätigung zu. Bestätigung erfährt der Mensch im Kreise seiner Sozialität. Der solidarische Umgang auf der Beziehungsebene führt zu Selbstbestätigung und positivem Ausgleich vom Alltagsstress. Der Mensch scheint zur Erhaltung seines Ich- Bewusstseins kommunizieren zu müssen. Bestätigung durch Mitwirkung in Netzwerken und Sozialitäten gehören zur Grundlage sozialer Beziehungen. Die Tatsache, dass der Mensch und dadurch das ganze System, durch Kommunikation gefördert und gestärkt werden und dabei auch viel erreicht werden kann, hat sich die Politik zu Nutzen gemacht. Spätestens seit dem auf der UN Konferenz für nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 verabschiedeten „Agenda-21“-Prozess, rücken Kommunikationskonzepte zur Bildung nachhaltiger Partizipationsstrukturen verstärkt in politische Diskurse.

Die Bildung und Koordinierung von Workshops soll auf lokaler und internationaler Ebene vorangetrieben, menschliche Ressourcen entwickelt, personelle und institutionelle Kapazitäten verstärkt und verbessert werden. Dies ist ohne Bildung von Netzwerken und ausreichender Kommunikation innerhalb der Gesellschaft, im sozialen Raum und zwischen den Polen „Individuum und Institution“, nicht möglich. Betrachtet man jedoch die Entwicklung einzelner Agenda-Gruppen, so stellt man sehr schnell fest, dass gerade durch das oben genannte Spannungsfeld zwischen „Individuum und Institution“, die Veränderungsansprüche der einzelnen Gruppen meist nicht umgesetzt werden können. Widersprüche, entgegengesetztes politisches Handeln, Regelwerke, Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben der Verwaltung bringen die Anliegen der Gruppen zum Scheitern. Rechtliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen behindern die Einflussnahme von Agendaprozessen. Für die Teilnehmer an den Gruppen eine äußerst demotivierende und frustrierende Tatsache, die sehr viele energetische Ressourcen verbraucht und ein „weiter machen“ oft in Frage stellt. Kritik kommt hier jedoch nicht nur bei den Teilnehmern der Arbeitsgruppen und Netzwerke auf, sondern auch aus politischen Reihen gibt es eine Vielzahl von Einwänden gegen partizipatorische Demokratietheorien.

„Kritiker warnen unter anderem vor der Gefahr einer "Destabilisierung durch Übermobilisierung“ und konstatieren generell eine „Überschätzung der Bürgerkompetenzen“, eine Unterkomplexität im Umgang mit Zielkonflikten und eine Überschätzung der Macht der Kommunikation.“
(Otto, Hans-Uwe; Thiersch, Hans; Böllert, Karin (Hg.); Handbuch Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Schnurr, Stefan; Partizipation; 2005: S. 1331) Könnte partizipatives Arbeiten also auch die Demokratie bedrohen? Diese Frage ist sehr interessant, da sich natürlich auch Netzwerke und Gruppen bilden können, die nicht den Vorstellungen von demokratischer Politik entsprechen. Ich denke hier zum Beispiel an die Bildung von radikalen Gruppen. Diese Frage ausführlicher zu beleuchten, würde jedoch den Rahmen meines Themas sprengen.
Nach diesem kurzen Exkurs in die partizipative Welt der Erwachsenen, möchte ich mich nun wieder dem Bereich der Kinder und Jugendlichen zu wenden.

5. Rechtliche Grundlagen für Partizipation von Kindern und Jugendlichen

Durch den achten Jugendbericht des Bundesministeriums für Jugend, Familie Frauen und Gesundheit aus dem Jahr 1990, wurde ein Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe eingeleitet. Ganzheitlichkeit und Situationsbezogenheit rücken in den Fokus. „Partizipation“ wurde zu einer der Strukturmaximen der Jugendhilfe erklärt. Kinder und Jugendliche sollen an Entwicklungen und Entscheidungen der sie betreffenden Jugendhilfemaßnahmen mitwirken. Leistungen der Jugendhilfe sind an folgenden Maximen auszurichten:
• Prävention,
• Dezentralisierung/Regionalisierung,
• Alltagsorientierung in den institutionellen Settings und in den Methoden,
• Integration – Normalisierung,
• Partizipation,
• Lebensweltorientierung zwischen Hilfe und Kontrolle.

Diese Handlungsprinzipien sollen die qualitative Entwicklung in der Jugendhilfe prägen. Präventives Handeln, Lebensweltorientierung, Beteiligung und Freiwilligkeit, Existenzsicherung und Alltagsbewältigung sowie Einmischung. Diese zentralen Grundsätze sind sowohl Steuerungsinstrumente, als auch Beurteilungskriterien für die Praxis Sozialer Arbeit. (Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Bonn, Abk. BJFFG,1990: S. 88f)
Die UN-Kinderrechtskonvention legt in ihrem am 5. April 1992 für Deutschland in Kraft getretenen Übereinkommen über die Rechte des Kindes, z.B. neben den Rechten auf Versorgung (Provision) und Schutz (Protektion) auch das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung (Partizipation) in Artikel 12: „Berücksichtigung des Kindeswillens“ fest. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) schreibt vor, Kinder und Jugendliche an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen (§ 8 (1) SGB VIII). In Schleswig Holstein wurde die Pflicht Kinder und Jugendliche zu beteiligen im § 47f der Gemeindeordnung festgelegt.

Die jeweiligen Städte und Gemeinden sind hierdurch dazu verpflichtet, Sorge dafür zu tragen, dass Jugendbeteiligung tatsächlich geschieht, methodisch praktiziert werden kann und funktioniert. Außerdem müssen diese nachweisen, dass, wie und in welchem Umfang Kinder und Jugendliche beteiligt werden.

6. Wo kann „partizipativ“ mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet werden?

Wie in den gerade genannten rechtlichen Grundlagen beschrieben, soll bereits Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit einer Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Umfeld und in ihrem Lebensraum ermöglicht werden. Sie sollen Verantwortung übernehmen dürfen und sich in ihrem direkten sozialen Umfeld an Entscheidungen die sie betreffen, beteiligen dürfen. Dies ist schon im jungen Alter z.B. im Elementarbereich durchaus möglich. Im Hinblick auf das Alter der Kinder muss jedoch die Methode dementsprechend angepasst werden.
Mit der passenden pädagogischen Methode ist es möglich, bereits dem Kleinkind die Teilnahme und Teilhabe, also die Mitbestimmung an den ihn betreffenden Themen und Belangen zu ermöglichen und zu bewirken.

Gesellschaftliche und lebensweltorientierte Partizipation von Kindern und Jugendlichen kann z.B. in folgenden Bereichen stattfinden: In der Schule, in Kindertagesstätten, in der Familie, in Verbänden und Vereinen, in Einrichtungen von kirchlichen, privaten, öffentlichen und freien Trägerschaften, in der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit, in der offenen Jugendarbeit, in der Jugendhilfeplanung, in der Politik usw. Im gemeinsamen Erarbeiten von Regeln, Verhaltensweisen und Maßnahmen innerhalb des eigenen direkten Umfeldes, z.B. des Klassenverbandes in der Schule, kann die interkulturelle Kompetenz, das Regel- und Lernverhalten, das Verantwortungsgefühl zwischen den Kindern, Jugendlichen und Lehrern, gegenseitiger Respekt, Toleranz, Sorgfalt und Aufmerksamkeit z.B. für gemeinsam genutzte Räume gefördert werden.

Auch im Bereich der Kindertagesstätten kann partizipatives Arbeiten statt finden. Bereits die kleinen Kinder können im Rahmen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten z.B. an der Gestaltung ihres Spielplatzes mitwirken. Im Rahmen von Zukunftswerkstätten können die kleinen Mitbürger malen, basteln, kneten und so ihre Bedürfnisse in kreativer Art und Weise äußern und umsetzen. In der Familie können Kinder und Jugendliche an der Meisterung des Alltags teil haben und ihre Vorschläge und Interessen mit den Bezugspersonen besprechen und verwirklichen. Den Fachkräften der Jugendhilfe kommt die Aufgabe zu, durch ihr Handeln die Fähigkeit ihrer Adressaten zur Subjektivität zu wecken, zu entwickeln und zu fördern. Sie sollen Jugendhilfeleistungen flexibel gestalten und konsequent am Bedarf der Leistungsberechtigten ausrichten. Hier spiegelt sich die neue Steuerung der Dienstleistungsorientierung in der Kinder und Jugendhilfe wieder. Wie man durch die genannten kleinen Beispiele feststellen kann, existieren für die gelingende Beteiligung von Kindern und Jugendlichen unterschiedliche Formen, Methoden, Modelle und Möglichkeiten.

7. Formen der Partizipation in der Kinder und Jugendarbeit

Wie kann gelingende Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Sozialraum methodisch umgesetzt werden? Partizipatives Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen ist oft von Vorurteilen geprägt. Kinder und Jugendliche könnten politische und gesellschaftliche Zusammenhänge nicht verstehen, sie würden in Partizipationsprojekten überfordert, sie würden von Erwachsenen manipuliert. Damit sich Kinder und Jugendliche im Partizipationsprozess aktiv beteiligen können, muss eine ihren Bedürfnissen entsprechende Form der Mitwirkung auf verschiedenen Ebenen gefunden werden. Man unterscheidet:

• Repräsentative Beteiligungsformen
Innerhalb repräsentativer Formen der Beteiligung setzen sich gewählte oder delegierte Kinder und Jugendliche stellvertretend für die Belange von Gleichaltrigen ein. Nur die gewählten Mitglieder des Mitbestimmungsgremiums dürfen sich an Diskussionen und Entscheidungsprozessen beteiligen. Hierbei handelt es sich um eher langfristige Modelle, denen zum Beispiel die Kinder- und Jugendparlamente angehören. Weitere Beispiele repräsentativer Beteiligungsformen sind Jugendgemeinderäte, Jugendstadträte, Jugendbeiräte und Stadtteiljugendräte.

• Offene Beteiligungsformen
Offene Beteiligungsformen sind niederschwelliger Art und zeichnen sich durch freien Zugang für alle interessierten Kinder und Jugendlichen aus. Sie bieten die Möglichkeit einer spontanen Teilnahme. Zu den offenen Beteiligungsformen zählen zum Beispiel Kinder- und Jugendforen, Jugendeinwohnerversammlungen, Kinder- und Jugendkonferenzen, Jugendhearings und runde Tische.

• Projektorientierte Beteiligungsformen
Bei projektorientierten Beteiligungsformen werden Kinder und Jugendliche an konkreten Planungen und Realisierungen von zeitlich begrenzten Vorhaben beteiligt. Das Projektbeinhaltende Thema muss für diese ansprechend und ihnen wichtig sein. Innerhalb von Projekten haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit besonders kreativ zu arbeiten. Projektorientierte Beteiligungsformen sind auch für jüngere Kinder, bereits im Elementarbereich, umsetzbar und gut geeignet. Beispiel hierfür kann eine gemeinschaftliche Untersuchung der Infrastruktur des Sozialraumes sein. Anhand dieser Untersuchung besteht dann zum Beispiel die Möglichkeit einen Kinderortsplan zu erstellen, auf dem für die Kinder wichtigen Orte und Plätze eingezeichnet sind. Spiele- und Freizeitflächen, institutionalisierte Lebensräume wie Schulhöfe oder Kindertagesstätten können gemeinsam gestaltet werden. Kommunikationsplattformen für Jugendliche, wie zum Beispiel die Entwicklung eines an die Zielgruppe angepassten Chatrooms oder Forums im Internet, können durch die Gemeinde oder Stadt aufgebaut werden. Demographische Entwicklungen und deren Folgen können gemeinsam im Sozialraum untersucht werden.

• Anwaltschaftliche Beteiligungsformen
Innerhalb der anwaltschaftlichen Beteiligungsformen nehmen Erwachsene die Interessen von Kindern und Jugendlichen stellvertretend im Gemeinwesen war. Dies geschieht zum Beispiel in Kinder- und Jugendbüros, durch die Kinder- und Jugendbeauftragte und durch Kinder- und Jugendanwälte.

• Jugendvertretungen in Erwachsenengremien
Die Beteiligungsform der Vertretung von Kindern und Jugendlichen in Erwachsenengremien, ist dadurch gekennzeichnet, dass Kinder und Jugendliche in bestehenden Planungs- oder Arbeitsgruppen von Erwachsenen vertreten sind. Ihre Anwesendheit bietet die Möglichkeit, sich direkt zu beteiligen, und vielleicht sogar ein Stimmrecht zu besitzen. Als Beispiele für Jugendvertretungen in Erwachsenengremien können Stadtteilarbeitskreise, Bürgerinitiativen, Kinderkommissionen oder Ausschusssitzungen angeführt werden.

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche nicht nur im kommunalen Partizipationsprozess an Entscheidungen beteiligt werden, sondern auch in den beteiligten Organisationseinheiten, wie zum Beispiel in der Schule oder in den Jugendeinrichtungen und Vereinen. Es steht der Kommune frei, für welche Form der Beteiligung sie sich entscheidet. Diese Entscheidung ist abhängig vom jeweiligen Umfang, in dem Kinder und Jugendliche beteiligt werden sollen. Eine gelingende Partizipation zeichnet sich dadurch aus, dass im Sozialraum der Kinder und Jugendlichen mehrere Formen der Beteiligung ermöglicht werden, gute Kommunikation, professionelle Mitarbeiter und Transparenz vorhanden sind und interdisziplinär gearbeitet wird.

8. Wird Motivation zu Verdrossenheit?
Ein Beispiel aus einem Kinder- und Jugendparlament einer Gemeinde

Genau wie im Bereich der Erwachsenen, z.B. der Agenda-Gruppen, zeichnen sich auch für Kinder und Jugendliche Probleme und Spannungsfelder im Bereich der Mitbestimmung ab. Ich möchte ein Beispiel aus einem in einer Gemeinde bestehenden Kinder- und Jugendparlament, das zur Form der repräsentativen Beteiligung gehört, aufzeigen, um die Problematik zu verdeutlichen. Die Kinder- und Jugendvertretung besteht aus 16 Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 – 18 Jahren. Ich habe den gegenwärtigen Vorsitzenden des Jugendparlamentes F. (18J. ) in einem Interview darum gebeten, mir seine allgemeine Meinung zu dieser bestehenden Form des Partizipations-Modells mitzuteilen und beispielhaft den Verlauf des aktuellen Projektes über die Planung und Errichtung von Jugendtreffpunkten im Gemeinderaum kurz aufzuzeigen. Ich werde nun einige Auszüge des Interviews dokumentieren:

„C. (steht für Claudia): F., was war Deine Motivation, Dich zur Wahl für das Kinder- und Jugendparlament zu stellen?
F. (steht für Interview-Partner): Ich habe bereits sehr viel Jugendarbeit in der Kirche mitgemacht. Als ich dann vom Jugendparlament hörte, dachte ich, ich könnte etwas für die Gemeinde tun und das Jugendparlament besser publizieren. Ich hätte nicht gewusst, dass es ein Jugendparlament hier gibt, wenn mein Vater, der ehrenamtlich politisch tätig ist, mir nicht davon erzählt hätte.

C: Die Schulen wurden darum gebeten, den Schülern über das Jugendparlament zu berichten und dessen Sinn und Zweck kurz im Rahmen des Unterrichtes zu besprechen. Ist das nicht erfolgt?
F: Nein, ich habe wirklich nichts davon gehört. Unser Lehrer hat einmal wortlos Zettel verteilt auf denen stand, dass man sich zur Wahl stellen kann. Jedoch haben wir nicht darüber gesprochen und er hat auch nichts dazu erklärt. Ich dachte, wenn ich mich dafür engagiere, dann würde das Jugendparlament bekannter. Dies war auch eines meiner Ziele, nämlich das Jugendparlament bekannter zu machen. Ich bin immer in den Ausschüssen dabei um mich bekannt zu machen. Wir bekommen auch immer Einladungen zu den Ausschusssitzungen, was ich gut finde. Jedoch bekommen wir keine Beratungsunterlagen, sondern nur die Tagesordnungspunkte. Das ist sehr schlecht, da wir dann oft nicht wissen, um was es in den Punkten eigentlich genau geht.

C: F., ihr plant gemeinsam viele Projekte. Eines davon ist die Planung von Unterständen für Jugendtreffpunkte, in einigen Teilen der Gemeinde. Wie läuft das Projekt?
F: Wir bemühen uns immer sehr in Planungen auch unsere „Kleinen“ mit einzubeziehen. Der Altersbereich der Mitglieder ist ja sehr groß. Aber wir wollen, dass die 12 jährigen auch das Gefühl haben, voll anerkannt zu sein. Wir machen uns sehr viele Gedanken. Wir haben als Jugendtreffpunkte drei Plätze vorgeschlagen wo sich die Jugendlichen sowieso schon immer treffen und haben auch Skizzen für die Unterstände gemacht. Wir nehmen unsere Projekte sehr ernst und möchten gut daran arbeiten.
Die Unterstellplätze wurden von der Polizei und der Verwaltung genehmigt. Was mich sehr geärgert hat war, dass die Politik, obwohl diese uns mit der Planung dieser Treffpunkte beauftragt hat, nachdem wir fertig waren, keinen Beschluss fassen wollte, da doch plötzlich wieder Vorbehalte auftauchten. Wir haben einen Besichtigungstermin vereinbart um vor Ort noch einmal mit den Parteien darüber zu sprechen. Plötzlich waren die Standorte nicht mehr in Ordnung. Zu dunkel, zu nah an den Häusern, usw. Nachdem wir die Angelegenheit im Ausschuss noch mal ansprachen, wurden wir beauftragt, erst einmal Sponsoren für die Unterstände zu beschaffen. Das fand ich sehr ärgerlich. Ich denke, die wollen Zeit schinden und uns hin halten.
Wir fühlen uns von einigen Parteien nicht ernst genommen. Ich denke manchmal, die wollen nur das Jugendparlament und wollen, das wir was machen, aber bloß nicht zu viel. Denn sie sind ja die führenden politischen Gremien, die das meiste zu sagen haben wollen. Ich glaube manchmal, einigen ist es scheissegal, was mit dem Jugendparlament passiert. Wenn ich nicht so oft da wäre und Präsenz zeigen würde, glaube ich, würden wir von der Bildfläche verschwinden. Man sieht, einige nehmen uns ernst und manche von den älteren wollen uns, glaub ich, gar nicht haben. Wir dienen nur dazu, dass die sagen können, wir sind ja ganz toll, wir machen was für die Jugend.

C: Wenn Du Deine Anfangseuphorie mit Deinen Gedanken jetzt vergleichst, wie geht es Dir dabei?
F: Also eigentlich bin ich schon oft total frustriert, wenn etwas, wie jetzt die Sache mit den Treffpunkten eigentlich abgelehnt wird. Aber ich denke, ich muss das zwar jetzt akzeptieren, aber es kann ja auch wieder besser werden. Eigentlich bin ich noch ziemlich motiviert, denn einiges hat ja auch geklappt. Ich sage mir immer, es muss weiter gehen. Denn wenn wir aufhören nachzuhaken, dann werden wir nicht mehr beachtet. Wir müssen dran bleiben, denn sonst ist wieder alles weg.

C: Also Du hast Kampfgeist entwickelt und bleibst auf jeden Fall dran.
F: Auf jeden Fall. Im Moment haben wir beantragt auch ein Sitzungsgeld zu bekommen, da das noch ein besonderer Anreiz für uns alle wäre. Wir machen alle sehr viel und haben keine Zeit nebenbei noch Geld zu verdienen. So wäre eine Sitzungspauschale ein guter Anreiz motiviert zu bleiben und zu zeigen, dass man unsere ehrenamtliche Arbeit ernst nimmt, respektiert und honoriert. Wir möchten auf einer Augenhöhe arbeiten und ernst genommen werden. Deshalb wäre es auch schön in den Ausschüssen eine Stimme, also ein ganz kleines Stimmrecht, zu bekommen. Eine Stimme kann ja meist sowieso nichts ausrichten, aber wir würden uns zumindest noch mehr ernst genommen fühlen. Wir müssen auf jeden Fall weiter machen, dass wir in den Köpfen der Politiker ankommen.“

In einer Niederschrift über die Sitzung der Kinder und Jugendvertretung vom 13.7.2009 konnte man folgenden Ausschnitt zum Thema Jugendtreffpunkte lesen:
"[...] M. (Mitglied der Kinder- und Jugendvertretung Anm. CB.) findet diese Verfahrensweise unverständlich. Die drei Standorte sind von der Kinder- und Jugendvertretung beschlossen worden und auch aus Sicht der Polizei gibt es keinerlei Bedenken.[...] Auch die anderen anwesenden Mitglieder können nicht nachvollziehen, warum die Standorte, obwohl die Bedenken der Verwaltung ausgeräumt sind, nicht beschlossen werden. Der Vorstand der Kinder- und Jugendvertretung will hierzu eine Stellungnahme abgeben. [...]"

Auch in der örtlichen Zeitung war hierzu eine Stellungnahme zu finden:
"Seit Herbst 2008 versuchen sechs Mitglieder des Kinder- und Jugendparlamentes Treffpunkte für Jugendliche in der Gemeinde zu schaffen. Bisher wurden alle Vorschläge abgelehnt, die jugendlichen Politiker gingen nun in die Offensive und hatten am 6. Juli zur Rundfahrt durch den Ort eingeladen, um den Gemeindepolitikern ihre Standorte zu präsentieren. Im Anschluss daran in der letzten Kinder- und Jugendausschusssitzung sollte nun endlich eine Entscheidung herbeigeführt werden. Doch die Mitglieder des Ausschusses wollten sich nicht auf eine finale Lösung einlassen. So konnte sich Jugendvertreter F. (18) nur über die Zustimmung für einen Treffpunkt im Gemeinde-Park an einer Skateranlage freuen. *Leider wurden unsere Vorschläge für einen Bolzplatz in zwei weiteren Gemeindeteilen abgelehnt, das ist ärgerlich*, so F. Immer wieder werde die Entscheidung von den Politikern verschoben, kritisiert er. Zu abgelegen, zu dunkel oder zu dicht an der Bebauung seien zwei Standorte, kritisieren X und Y. [...] "

Das Interview und die aufgezeigten Stellungnahmen bestätigen überwiegend das Resümee des Bundesjugendkuratoriums, zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen, vom Juni 2009.
In den Schulen wird dem Thema Kinder- und Jugendpartizipation noch lange nicht die Aufmerksamkeit entgegengebracht, die notwendig wäre, um die Kinder und Jugendlichen umfangreich zu informieren, aufzuklären und zu einer Teilnahme an Mitbestimmungsgremien zu motivieren. Jedoch ist ersichtlich, dass die Kinder und Jugendlichen eine sehr hohe eigene Motivation mitbringen, in den Kommunen mitzuwirken und sich in ihrem Umfeld zu beteiligen. Der Informationsgrad hinsichtlich der Partizipationsangebote ist unzureichend. Viele Kinder und Jugendliche können nicht an örtlichen Mitbestimmungsmodellen teilnehmen, da sie ihre Möglichkeiten einfach nicht kennen. Kinder und Jugendliche, deren Eltern einen höheren formalen Bildungsgrad aufweisen und sich selbst gerne in ehrenamtlichen Netzwerken beteiligen, nehmen eher an Mitbestimmungsmodellen teil, als Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Schichten. Um so niedrigschwelliger Partizipationsangebote ausgestaltet sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder und Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft erreichen. Obwohl genauere empirische Erhebungen noch nicht vorliegen, besteht die Grundannahme, dass Kinder und Jugendliche, die positive und intensive Partizipationserfahrungen hatten, auch im Erwachsenenalter eine höhere Bereitschaft zeigen, sich an politischen Vorgängen zu beteiligen.

9. Fazit

Stelle ich mir nun noch einmal die Frage ob aus der Motivation sich an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen Verdrossenheit entsteht, würde ich mir folgende Antwort geben:
Egal ob man den Blick auf Partizipationsangebote in der Erwachsenenwelt oder auf Mitbestimmungsmodelle für Kinder und Jugendliche richtet, so stellt man doch fest, dass sich die aktive Teilhabe und Teilnahme der großen und kleinen Bürger an Entwicklungen in ihrem Umfeld, tatsächlich in einem Spannungsfeld zwischen Motivation und Frustration bewegen.
Im oben genannten Beispiel, konnte man erkennen, dass die Verwirklichung der von den Jugendlichen gewünschten Treffpunkte mit Unterständen, an den politischen Gremien scheiterte. Innerhalb dieses Beispieles entstand das Spannungsfeld nicht zwischen Individuum und Institutionen (Verwaltung, Polizei und andere Gremien hatten bereits „grünes Licht“ für die Umsetzung des Projektes gegebenen), sondern zwischen bestehenden Netzwerken und der politischen Ebene.
Mitbestimmung scheitert also scheinbar auch, durch von der Politik inszenierte Machtkämpfe. Der Fortbestand von Mitbestimmungsmodellen für Kinder und Jugendliche hängt also sehr stark vom Engagement und Wohlwollen einzelner Erwachsener auf hegemonischer und regulativer Ebene, aber auch von der eigenen Persönlichkeit, der intrinsischen Motivation und dem Durchhaltevermögen des Kindes oder des Jugendlichen ab.
Partizipation von Kindern und Jugendlichen führt nur dann zu Verdrossenheit, wenn keine Anerkennung des jugendlichen Engagements in der Kommune erfolgt und kein öffentliches Bewusstsein hierfür vorhanden ist. Ständige Kommunikation, aber auch regelmäßige Informationen über die Bedeutung und die Möglichkeit der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen am kommunalen Geschehen, sind Grundlagen einer funktionierenden aktiven Teilnahme und Teilhabe.
Die entscheidende Herausforderung „Partizipation“ zu realisieren, liegt in der Verankerung von Mitbestimmungsmodellen für Kinder und Jugendliche in allen sie betreffenden Einrichtungen, in ihrem Lebensraum und in den Familien. Es muss in die Köpfe aller Beteiligten und Initiatoren, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, Kinder und Jugendliche an den sie betreffenden Entwicklungen und Entscheidungen in deren Sozial- und Lebensraum teilhaben zu lassen.

10. Literaturverzeichnis

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Claudia Beyer 19.06.2009




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